2020 Hierschttour 18 Oktober
Man Mercedes dem Charli no
Am Sonntag, 18. Oktober 2020 stand eine Reise in die Vergangenheit der Mobilität in Luxemburg auf dem Programm. Obwohl in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die großen Eisenbahnlinien, die noch heute das Rückgrat des Schienenverkehrs bilden, das kleine Luxemburg mit der großen Welt verbanden, so verblieben dennoch manche „weisse Flecken“ auf der Landkarte, wo kein systematischer öffentlicher Transport be- stand. Da gleichzeitig der Aufschwung von Industrie und Handel und eine gestiegene Mobilität der Landbevölkerung diesen Man- gel offenbarten, wurde das Schienennetz kurz vor der Jahrhundertwende um 3 Schmalspur- bahnen erweitert, die mit kleinen Dampflo- komotiven betrieben wurden.
Diekirch und Vianden wurden über 14 km von 1889 bis 1950 von „Benni“ verbunden. Die Älteren erinnern sich noch an dessen alte Eisenfachwerkbrücke über die Sauer in Diekirch. Obwohl sie Ende der 60er Jahre schon teilweise baufällig und längst gesperrt war, hinderte das uns als Pensionatsschüler des Gymnasiums nicht daran, so lange darauf herumzuturnen, bis wir verscheucht wurden. Auch der „Jangeli“ ist noch in guter Erinne- rung. Er hatte seinen landläufigen Namen als Hommage an den Felser Abgeordneten und Bürgermeister Jean Knaff bekommen. Von den 4 Strecken, die von dieser Bahn bedient wurden, ist die von Luxemburg nach Remich am bekanntesten. Sie führte über 27 km und war von 1882 bis 1955 in Betrieb.
Als dritter im Bunde galt der „Charli“, der mit 46 km die längste Trasse aufwies und Luxemburg mit Echternach verband. Auch sein Spitzname war von einer Persönlichkeit abgeleitet, nämlich Charles Rischard, dem Generaldirektor des Transportwesens. Da die Topographie der Strecke erhebliche Höhen- unterschiede aufwies und Brücken- sowie Tunnelbauten erforderte, wurde die für die damalige Zeit horrende Summe von 4.120.000 Franken für deren Bau benötigt. Das brachte ihr den Namen „Millioune-Bunn“ ein. Das bekannteste Bauwerk der Trasse, das wohl die wenigsten mit dieser Schmalspurbahn in Verbindung bringen, ist der Pont Adolphe, die „Nei Bréck“, die in der Rekordzeit von 3 Jahren gebaut und 1904 eingeweiht wurde. Auch die Bushaltestelle „Charlis-Gare“ in Luxemburg-Stadt ist jedem ein Begriff, auch wenn die Jüngeren wohl kaum noch den Ursprung dieser Bezeichnung kennen.
Steigender Individualverkehr und Ausbau des Busnetzes in den ersten Nachkriegsjah- ren, gepaart mit den Schwächen der Schmal- spurbahnen bedeuteten das Aus für diese. Immer häufiger wurden die Beschwerden wegen des Qualms, vor allem in den Ort- schaften. Vor allem die schwache Leistung der Lokomotiven, die mit 25 bis 40 Stunden- kilometern fuhren, war nicht mehr zeitgemäß. Allzu oft mussten die Passagiere je nach Zuladung an stärkeren Steigungen aussteigen und schieben. Heißt es doch so treffend in einem bekannten Lied: „de Jangeli fiert den Houwald erop, wier en gutt do uewen op der Hesper Kopp!“
Für den „Charli“, auf dessen Spuren unsere Herbstausfahrt uns führte, war der 12. Juni 1954 auch sein letzter Tag. Clubvorstands- mitglied Erny Kirchen hatte diese Tour orga- nisiert, welche als Ehrerweisung der moder- nen Fortbewegungsmittel an ihre Vorfahren, die altehrwürdigen Dampfbahnen, gelten mag.
Die Ankündigung dieser Tour fand regen Anklang bei den Clubmitgliedern und so fanden sich 32 Fahrzeuge aus den fünfziger bis neunziger Jahre mit ihren Besatzungen am Charli-Bahnhof in Hostert ein. Dieser kleine Bahnhof ist in hervorragendem originalem Zustand und als einer der ganz wenigen Überlebenden seiner Zeit, Startpunkt für zahlreiche Spaziergänger und Fahrradfahrer die den Fahrradweg nutzen, welcher auf der früheren Schienentrasse angelegt wurde.
Es sei nebenbei bemerkt, dass auch die moderne Tram der Stadt Luxemburg, die vielleicht später bis nach Esch-Alzette füh- ren wird, der Tradition der Kosenamen treu bleibt: Aufgrund zahlreicher Vorschläge seitens der RTL-Zuhörer trägt sie – wenn auch nicht offiziell den leicht einprägsamen Namen „Siggi“, der auch als späte ehren- volle Hommage an den Stadtgründer Graf Siegfried von Luxemburg angesehen werden kann.
Nach einer interessanten und gut recher- chierten Einführung in die Geschichte des „Charli“, gab der Organisator das Startzei- chen und die Kolonne folgte der Route des „Charli“. Aus verständlichen Gründen konnten wir dem Schienenverlauf nicht folgen, da der Fahrradweg für Autos tabu ist, doch da die Bahn zum großen Teil parallel zur Straße verlief, entsprach unser Weg doch größtenteils dem Original. Unterwegs begegneten wir manchem steinernen Zeugen aus dieser Zeit, bevor wir am Zielort Echternach ankamen. Am See, wo wir unsere Fahrzeuge bequem abstellen konnten, ergab sich eine gute Gelegenheit, uns mit den Clubkollegen auszutauschen. Da das Wetter mitspielte, und es den ganzen Tag über trocken blieb, mussten wir unsere Köpfe nicht unter Re- genschirmen eng zusammen stecken, und so war es kein Problem, die in Covid-19-Zeiten üblichen Abstandsregeln einzuhalten und in kleinen Gruppen zusammen zu stehen.
Die zweite, kürzere Etappe der Tour führ- te uns nach Junglinster, wo wir noch eine kleine Pause einlegten, bevor sich unsere Gruppe aufteilte. Corona-bedingt konnte das Restaurant, wo das Abendessen geplant war, uns nicht alle aufnehmen, sodass einige Teilnehmer sich verabschiedeten, und die an- deren den Weg nach Scheidgen fortsetzten, wo dieser Tag seinen Abschluss fand.
Auch wenn die Hierschttour neben der Rent- réestour die einzige Ausfahrt mit Fahrzeugen war, die unser Club in diesem Covid-19-Jahr organisieren konnte, so freuten sich die Teil- nehmer aber umso mehr, dass das Clubleben nicht zum Erliegen gekommen ist. Es bleibt zu hoffen, dass in der Saison 2021 etwas Nor- malität zurückkommt, und dass wir wieder mehr zusammen unternehmen können. In dem Sinne hoffen wir, dass wir alle gegen- seitig auf uns aufpassen und gesund bleiben!
Text & Fotos: Guy MÜLLER
