2019 Werksbesuch in Stuttgart 29 April

Eine Reise zu den Anfängen

Am 29. April starteten 26 Mitglieder des MBCL zur Geburtsstätte der meisten ihrer Fahrzeuge. Im bequemen Reisebus vergingen die Stunden bei angeregter Unterhaltung bezüglich dessen was uns in Sindelfingen geboten werden sollte, wie im Flug. Und wir sollten beileibe nicht enttäuscht werden, ganz im Gegenteil!
Schon die Anfahrt entlang des Werksgeländes in Sindelfingen gab uns eine Vorahnung dessen Ausmaßes, doch waren wir umso erstaunter als uns bei einer überaus interessanten Führung einige Zahlen genannt wurden: Auf einer Gesamtfläche von 3 km2 produziert eine Belegschaft von rund 35.000 Mitarbeitern/innen täglich 1.700 bis 1.800 Fahrzeuge. Unsere Besichtigung begriff zwei Phasen der Fahrzeugherstellung. Im Karosseriewerk konnten wir verfolgen, wie von großen Blechrollen die einzelnen Karosserieteile ausgestanzt werden um anschließend als flache Rohlinge an die nächste Station weiter gereicht zu werden. Hier ist nicht nur die Kadenz beeindruckend, werden doch die einzelnen Teile nicht nur im 5-Sekundentakt in Form gebracht, sondern auch Größe und Kraft der Pressen, sowie eine kaum erträgliche Lärmkulisse und Bodenerschütterungen sorgten für ein für uns nicht alltägliches Erlebnis. So ist es nicht verwunderlich, dass dieser Produktionsbereich, nicht nur aus ökonomischen, sondern und vor allem aus menschlichen Gründen einen äußerst hohen Automatisierungsgrad aufweist, und nur sehr wenige Mitarbeiter unter solch schwierigen Bedingungen arbeiten müssen.
Die zweite Etappe unserer Besichtigung führte uns in eine der Hallen der Endmontage. Hier konnten wir bei unserer Wanderung entlang der Montagebänder hautnah mitverfolgen wie bei den verschiedenen Karosserievarianten der E-Klassemodelle deren Sitze und Türen eingebaut werden. Als Herausforderung und logistische Meisterleistung ist uns aufgefallen, wie zum aktuell zu fertigendem Fahrzeug auf einer parallel zum Montageband verlaufenden Schiene alle Einzelteile sekundengenau angeliefert werden. Unweigerlich drängt sich die Karikatur der modernen Fabrik in das Bewusstsein auf: Vorn Blechrolle rein – hinten fertiges Auto raus. Und das ist tatsächlich etwa alle 70 Sekunden der Fall! Aus verständlichen Gründen ist es zwar untersagt im Werk zu fotografieren, doch der interessierte Leser wird auf youtube aussagekräftige Videos finden, die einen guten Einblick in die Produktion gewähren, wie zum Beispiel folgender Link, der in einer historischen Aufnahme den gesamten Fertigungsprozess des W116 zeigt: www.carls.lu/DSZR
Der Nachmittag unseres ersten Tages war von einem kurzfristig geplanten Intermezzo gekennzeichnet, das uns von der technischen auf eine kulturelle Ebene leitete. Der luxemburgische Kunstmaler Roland Schauls bot uns in seinem Stuttgarter Atelier einen äußerst herzlichen Empfang und gab uns die Gelegenheit, seine meist großformatigen Werke zu bewundern. Er gab uns ausführliche Informationen zu einzelnen Bildern und zu seiner Kunst im Allgemeinen. Auffallend ist sein persönlicher Stil mit hohem Wiedererkennungswert, wobei viele seiner Werke einen direkten pikturalen Bezug zur Stadt Luxemburg aufweisen und somit sicher einen großen Kreis Kunstliebhaber ansprechen.
Nach so viel geistiger Nahrung sorgten wir in dem viel besuchten Restaurant „Carl’s Brauhaus“ am Schlossplatz dafür, dass auch der körperliche Hunger gestillt wurde. Der viertelstündige Spaziergang zurück zum Hotel durch das abendliche verregnete Stuttgart sorgte für etwas frische Luft, wobei jedoch die weniger wetterfesten Teilnehmer das Taxi dem Regenschirm bevorzugten.
Stand der erste Tag unter dem Motto der Gegenwart, so war der zweite Tag eher rückwärts gerichtet. Der Vormittag war dem Museumsbesuch vorbehalten, wobei jedoch hier nicht die Fahrzeuge im Vordergrund standen, die den meisten der Teilnehmer sowieso schon von einem vorherigen Besuch bekannt sind, sondern das Museum selbst. Das infolge eines Architektenwettbewerbs in den Jahren 2003 bis 2006 vom niederländischen Architekten Ben van Berkel geschaffene Museum verfolgt nicht nur ein bis dahin neues Museumskonzept, sondern stellt des Weiteren ein einmaliges Bauwerk dar. In einer Führung, die ausschließlich der Architektur und deren vielseitigen technischen und baulichen Herausforderungen gewidmet war, bekamen wir Einblick hinter und in die Kulissen dieses außergewöhnlichen Baus. Besonders interessant zu erfahren war, wie mit Hilfe des Konzeptes der Doppelhelix in gegenläufigen Schrägen und Überschneidungen Platz für Ausstellungsflächen und Freiraum geschaffen wurde. Ein geniales Konzept, das die DNA der Marke nicht nur in den Exponaten, sondern für jeden von weitem sichtbar, ebenfalls in der baulichen Substanz verkörpert.
Ein leckeres, im Museumsrestaurant serviertes Mittagessen und freie Zeit zur Erkundung der ausgestellten Fahrzeuge auf eigene Faust oder ein Besuch des Museumsshops und der zum Verkauf angebotenen „All Time Stars“-Fahrzeuge, überbrückten die Zeit bis wir zum Besuch des Classic Centers in Fellbach aufbrachen. Auch hier kamen wir in den Genuss einer geführten Besichtigung, bei der wir zuerst Einblick in Konzept und Philosophie des Centers bekamen, bevor wir die Werkstätten besuchten. Im ersten Teil werden einerseits Fahrzeuge der werkseigenen Sammlung restauriert, andererseits Fahrzeuge aufbereitet um bei verschiedenen Veranstaltungen oder an Concours d’Élégance teilzunehmen. Die zweite Abteilung ist den Kundenfahrzeugen vorbehalten, wobei erfreulicherweise überdurchschnittlich viele 300 SL zugegen waren, dies hinsichtlich der Vorbereitung auf die kurz bevorstehende Mille Miglia. Wir erfuhren, dass es als besonderen Glücksfall anzusehen ist, dass das gesamte Archiv mit allen Werkszeichnungen und Spezifikationen aller Fahrzeuge seit Beginn erhalten ist und dass somit den Mechanikern eine wertvolle Informationsquelle bei Fahrzeugrestaurierungen zur Verfügung steht.
Zwei lange, aber überaus lehrreiche Tage, deren Planung in den Händen von unserem Clubpräsidenten Jean-François Zimmer lag, fanden zwar somit ihren Abschluss, werden aber unvergessliche Eindrücke bei allen Teilnehmern hinterlassen!

Text: Guy MÜLLER

Fotos: Jean-François ZIMMER & Guy MÜLLER